Deutschland

Die sechste Denk ich an Deutschland-Konferenz, die dem Andenken an Alfred Herrhausen gewidmet ist, beschäftigte sich mit der Frage, was Digitalisierung bedeutet - für die Banken, den Standort Deutschland, die Gesellschaft sowie für die Politik und deren Aufgabe, einen ordnungspolitischen Rahmen zu setzen.

Der Bürger kommt nicht mit dem institutionalisierten Misstrauen gegen den Staat ins Netz. [...] Die Freiheit des Netzes zu verteidigen ist eine europäische Agenda.

Prof. Udo Di Fabio, ehemaliger Richter des Bundesverfassungsgerichts

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Denk ich an Deutschland-Konferenz
Digitale Zukunft Erkennen
26.09.2014 in Berlin

Die sechste Denk ich an Deutschland-Konferenz, die dem Andenken an Alfred Herrhausen gewidmet ist, fand am 26. September 2014 in der Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Bank statt.

Friedrich Wilhelm Graf

Der Mensch ist mehr als ein Datenlieferant.

Wer an den November 1989 denkt, denkt an den Fall der Mauer und den Untergang der DDR. Am 9. November, sagte der Journalist Stefan Aust in einer legendären Reportagesendung, sei der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen. Fünfundzwanzig Jahre später kann man nicht mehr sicher sein, ob diese Botschaft, die für die Deutschen die Wiedervereinigung bedeutete, noch für alle gilt, vor allem in Moskau. Am 9. November 1989 tanzten in Berlin die Menschen auf der Mauer.

Am 1. Dezember zogen mehr als zehntausend Menschen in einem Schweigemarsch durch Frankfurt. Sie trauerten über die Untat, die sich auch im Herbst 1989 ereignet hatte: Am 30. November war Alfred Herrhausen, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, von Terroristen der Rote-Armee-Fraktion ermordet worden.

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Alfred Herrhausen wies der Bankenbranche den Weg: Anshu Jain.
© Daniel Pilar
Herrhausen hatte der Deutschen Bank eine neue Struktur gegeben. Er hatte erkannt, dass aus einer deutschen Bank mit internationalem Geschäft eine internationale Bank mit Sitz in Deutschland werden musste, sagte Anshu Jain, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank. Herrhausen hatte konsequent die soziale Verantwortung des Bankiers beschworen und einen in der Finanzwelt für unerhört gehaltenen Schuldenerlass für Entwicklungsländer gefordert, wie Thomas Matussek in Erinnerung rief, der Geschäftsführer der Alfred Herrhausen Gesellschaft. Ihr Vater wäre einer der Ersten gewesen, die sich für eine Konferenz wie diese begeistert hätten, sagte Anna Herrhausen - die Konferenz "Denk ich an Deutschland", ausgerichtet von der Alfred Herrhausen Gesellschaft und dieser Zeitung, die sich zum Andenken an den Namensgeber dem Thema "Digitale Zukunft erkennen" widmete.
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Im Andenken an ihren Mann und Vater wurde die Alfred Herrhausen Gesellschaft mit der Aufgabe gegründet, "Spuren der Zukunft in der Gegenwart" zu suchen und gesellschaftlich engagierte Menschen zusammenzuführen: Traudl (links) und Anna Herrhausen.
© Andreas Pein

Freiheit, Wettbewerb, Gestaltungswille und Macht, Verantwortung und Demokratie, das, sagte Anna Herrhausen, seien die Kategorien gewesen, mit denen ihr Vater arbeitete. Übertragen auf heute, führe das zu der Frage, was die Digitalisierung bedeute - für die Banken, den Standort Deutschland, die Gesellschaft sowie für die Politik und deren Aufgabe, einen ordnungspolitischen Rahmen zu setzen.

Dies zumal bei einem Prozess, der sich nach den Worten von Holger Steltzner, Mitherausgeber dieser Zeitung, mit "unfassbarer Geschwindigkeit" vollzieht, mit der "Wucht einer Exponentialfunktion", und zu einer Welt mit zwei Gruppen von Menschen führt - denjenigen, die dem Computer sagen, was er tun soll, und der Vielzahl der Menschen, denen der Computer sagt, was sie tun sollen. Bei Jens Redmer, Direktor für neue Produkte bei Google, klang das ganz anders. Er forderte "mehr Mut zum großen Wurf" und warnte davor, Google (dessen Suchmaschine in Deutschland und Europa einen Marktanteil von mehr als neunzig Prozent hat) mit dem Internet zu verwechseln. Außerdem gelte: "Wir verkaufen keine Daten, und wir verkaufen keine Nutzerprofile." Daten an sich, so Redmer, stellten noch keinen Wert dar. Gleichwohl benannte er, welche Profession unbedingt zu den "neuen sexy Jobs" zähle: die des Datenanalysten.

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Menschen sind keine bloßen Rohstoffträger: Yvonne Hofstetter.
© Andreas Pein

Andreas Winiarski von der Internet-Beteiligungsfirma Rocket Internet ging in die Offensive: Die deutschen Eliten versagten bei der Digitalisierung vollständig. Ein Befund, der sich ein wenig mit der Feststellung von Wolfram Burgard, Professor für Autonome Intelligente Systeme an der Albert-Ludwigs-Universität München, traf, der einen katastrophalen Braindrain Richtung Silicon Valley konstatierte.

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Im Internet gelten dieselben Regeln wie im analogen Leben: Thomas de Maizière.
© Daniel Pilar

Bundesinnenminister Thomas de Maizière geht an das Internet derweil mit einer Grundhaltung heran, die besagt "Prinzipiell ist das Internet keine eigene Welt" (F.A.Z. vom 27. September). Dort gälten dieselben Regeln wie in der analogen Welt - dasselbe Grundrechts- und Staatsverständnis. Auf verlorenem Posten sieht der Publizist (und Autor dieser Zeitung) Evgeny Morozov den Staat. Die soziale Demokratie werde durch die Geschäftspolitik der Online-Konzerne ausgehöhlt. Werte würden eliminiert, Ideale aufgerieben. Die Menschen seien mehr als Nutzer und Kunden, doch was sich vollziehe, sei der Siegeszug eines reinen Kapitalismus. Dem müsse man mit neuen demokratischen Institutionen begegnen. Ein Mittel der Demokratisierung wäre nach Morozovs Ansicht, den Online-Giganten den Besitz der Daten zu entziehen: "Die Daten müssen anderen gehören als den Konzernen." Yvonne Hofstetter, Geschäftsführerin der Firma Teramark Technologies, die gerade das Buch "Sie wissen alles" veröffentlicht hat, sagte einen Satz, der wie eine Binsenweisheit klingt, es in Zeiten der Digitalisierung aber leider überhaupt nicht mehr ist: "Wir können Menschen nicht genauso behandeln wie Sachen." Menschen seien kein Wirtschaftsgut und keine Rohstoffträger, die man ausbeuten müsse. Doch genau das zählt zu den Prinzipien der digitalen Ökonomie: Die Menschen geben ihre Identität preis und liefern den Konzernen ihre Daten frei Haus. Eigentlich müssten die Bürger - der Gedanke kam bei der Konferenz auf - aber von den Firmen Geld für ihre Daten verlangen.

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Die soziale Demokratie ist bedroht: Evgeny Morozov.
© Andreas Pein

Und, wo bleibt das Positive? Joana Breidenbach, Mitgründerin der Plattform betterplace.org, wusste es: in der weltweiten Vernetzung sozialer und gesellschaftlicher Initiativen, denen es um den Menschen und nicht ums Kapital geht. "Philanthropie 2.0" sozusagen. Bei der seien Länder wie Indien, Kenia und Ruanda allerdings weiter als Deutschland im Jahre 2014. Nach den Antworten auf die Sinnfrage, welche die Technik uns stellt, meinte das Deutsche-Bank-Vorstandsmitglied Rainer Neske schließlich, gelte es, weiterhin zu suchen.

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Europas Aufgabe ist die Freiheit im Netz: Constanze Kurz und Udo Di Fabio.
© Daniel Pilar

Dass diese samt und sonders in Kopie beim amerikanischen Geheimdienst NSA liegen und die deutsche und europäische Politik dies nur noch mit Ohnmacht verfolgt, nannte Thomas Metzinger, Professor für Theoretische Philosophie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz den großen Skandal unserer Tage. Den Europäern gehe es wie den amerikanischen Ureinwohnern bei der Eroberung des Westens - sie verlieren ihr Terrain, ihre Lebensgrundlagen und landen in Reservaten. "Die Amerikaner", sagte Metzinger, "haben den Kolonialkrieg gegen die ganze Welt eröffnet im Internet." Max Schrems, der mit seiner Initiative "Europe versus Facebook" den Konzern wenigstens ansatzweise zwingen konnte, europäische Gesetze zu beachten, mochte nicht ganz so schwarz sehen. Er versteht den Datenschutz als Instrument, mit dem man die Kräfteverhältnisse durchaus noch verändern kann.

Doch warum geben die Menschen ihre Daten ab und ihr Recht auf informationelle Selbstbestimmung auf, wollte Günther Nonnenmacher, Mitherausgeber dieser Zeitung, wissen. Weil der erwartete Nutzen, so der ehemalige Richter des Bundesverfassungsgerichts Udo Di Fabio, den Menschen größer erscheine als mögliche Nachteile: "Der Bürger kommt nicht mit dem institutionalisierten Misstrauen gegen den Staat ins Netz." Und das Vertrauen im Netz sei wiederum durch eine staatliche Institution zerstört worden - die NSA. "Die Freiheit des Netzes zu verteidigen ist eine europäische Agenda", sagte Di Fabio - vor allem gegen repressive Staaten. Darin war er sich mit der Informatikerin Constanze Kurz, Sprecherin des Chaos Computer Clubs, einig. Dem Chefvolkswirt der Deutschen Bank, David Folkerts-Landau, der die Globalisierung als entscheidenden Trend nannte, hielt sie vor, die Banken hätten den Schuss wohl noch nicht gehört. Der Finanzbranche droht bekanntlich ein ähnlicher Überfall durch die Netzkonzerne, wie ihn die Presseverlage schon erlebt haben. Wobei man, wie Constanze Kurz sagte, nicht vergessen dürfe, dass es sich bei alldem um eine Entwicklung handele, "die auf einer Technik fußt, die wir nicht beherrschen und die nicht als sicher gelten kann". Der Ökonomisierung des Denkens dürfe man sich nicht unterwerfen.

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Berlin 2014

Konferenzprogramm für Freitag den 26. September 2014

08.30

Registrierung


Tagesmoderation: Ursula Weidenfeld, Journalistin

09.00

Eröffnung

Thomas Matussek, Geschäftsführer, Alfred Herrhausen Gesellschaft

Download der Rede

09.05

Begrüßung

Anshu Jain, Co-Vorstandsvorsitzender, Deutsche Bank, Kuratoriumsvorsitzender, Alfred Herrhausen Gesellschaft

Download der Rede

09.15

Begrüßung

Holger Steltzner, Herausgeber, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Download der Rede

09.25

Was hat Digitalisierung mit Alfred Herrhausen zu tun?

Anna Herrhausen, Mitglied des Kuratoriums, Alfred Herrhausen Gesellschaft

Download der Rede

09.35

Videoclip:

Digitale Zukunft erkennen I

09.40

Impulsrede:

Big is beautiful - Mehr Mut zum großen Wurf

Jens Redmer, Principal, New Products, Google

09.55

Digitally Remastered - Der Maschinenraum des Leben

Yvonne Hofstetter, Geschäftsführerin, Teramark Technologies
Gesche Joost, Digital Champion für Deutschland bei
der Europäischen Kommission und Professorin für Designforschung, Universität der Künste Berlin
Ansgar Baums, Executive Director Corporate Affairs und Leiter des Berlin-Büros von Hewlett Packard
Andreas Winiarski, Global Head of PR & Communications, Rocket Internet

Moderation: Thomas Ramge, Technologiekorrespondent, Sachbuchautor und Wirtschaftsjournalist

10.50

Kaffeepause

11.10

Keynote:

Innovation ermöglichen, Freiheitsrechte wahren - Werteordnung in der digitalen Welt

Thomas de Maizière, Bundesminister des Innern

Download der Rede

11.30

Impulsrede:

"Das kann ich nicht tun, Dave" -
Künstliche Intelligenz und autonome Agenten

Wolfram Burgard, Professor für Autonome Intelligente Systeme, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

11.45

"Widerstand ist zwecklos" -
Digitalisierung als gesellschaftliche Herausforderung

Gerrit Hornung, Professor für Öffentliches Recht, Informationstechnologierecht und Rechtsinformatik, Universität Passau
Thomas Metzinger, Philosoph und Professor für Theoretische Philosophie, Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Lena-Sophie Müller, Politologin und Wissenschaftlerin, Geschäftsführerin, Initiative D21
Maximilian Schrems, Jurist, Facebook-Kritiker und Gründer von europe-v-facebook.org

Moderation: Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur Digitale Medien, Frankfurter Allgemeine Zeitun

12.45

Mittagessen

14.00

Videoclip:

Digitale Zukunft erkennen II

14.05

Impulsrede:

Civic Tech - Stiftet Technologie Gemeinschaft?

Joana Breidenbach, Mitgründerin und Vorstand, betterplace.org

14.20

Keynote:

Digitization and the End of Democratic Politics?

Evgeny Morozov, Publizist

14.50

Bugfix, Upgrade, Neuinstallation -
Was brauchen Markt, Staat und Recht?

Udo Di Fabio, ehemaliger Richter des Bundesverfassungsgerichts
David Folkerts-Landau, Chefvolkswirt, Deutsche Bank
Constanze Kurz, Informatikerin und Sprecherin, Chaos Computer Club

Moderation: Günther Nonnenmacher, Herausgeber, Frankfurter Allgemeine Zeitung

16.00

Schlusswort

Rainer Neske, Mitglied des Vorstands, Deutsche Bank

Download der Rede

16.10

Ende der Konferenz