Denk ich an Deutsch­land Kon­fe­renz 2016

Ein Blick auf Deutschlands Übermorgen. Der wohl folgenreichste und meist diskutierte Satz des Jahres 2015 wurde zum Bezugspunkt der Denk ich an Deutschland-Konferenz 2016: „Deutschland 2025 – Haben wir’s geschafft?“ lautete das Thema der Veranstaltung, zu der die Alfred Herrhausen Gesellschaft und die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 23. September bereits zum achten Mal einluden.

Im August 2015 sagte Angela Merkel drei Wörter, die zum Dreh- und Angelpunkt der Integrationsdebatte geworden sind: „Wir schaffen das!“. Gut ein Jahr später haben Alfred Herrhausen Gesellschaft und Frankfurter Allgemeine Zeitung die Frage gestellt: Wie werden wir diesen Satz im Jahr 2025 bewerten? Was werden wir geschafft haben? Und was müssen wir dafür tun?

Die inhaltliche Grundlage der Konferenz bildeten methodisch fundierte Szenarien, in denen mögliche Zukunftsentwicklungen im Bereich Migration und Integration aufgezeigt werden. Die Szenarien wurden den ca. 370 geladenen Gästen über den Tag hinweg in drei Ausgaben der fiktiven Sendung „Denkland 24 – Nachrichten von morgen“ von Judith Rakers präsentiert. Anhand dieses Inputs wurde mit prominenten Gästen diskutiert, wie die Weichen heute gestellt werden müssen, damit Integration in Zukunft gelingen kann. Welche Faktoren werden unser zukünftiges Zusammenleben mit Zuwanderern beeinflussen? Welche Risiken bestehen? Welche Chancen können wir schon heute nutzen?

Thomas Matussek
Thomas Matussek, Geschäftsführer der Alfred Herrhausen Gesellschaft © Bernd Brundert
Tagesmoderation Ursula Weidenfeld
Olaf Scholz, Erster Bürgermeister, Freie und Hansestadt Hamburg © Bernd Brundert

Ein Denkzettel sollte nicht leer sein – Jürgen Kaube

Jürgen Kaube, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, eröffnete den Tag mit einem sehr anschaulichen Kommentar zur aktuellen Stimmungslage und den Wahlergebnissen in Großbritannien und Deutschland. Eindringlich rief Kaube dazu auf, sich jetzt konstruktiv mit den politischen Gestaltungsmöglichkeiten zu beschäftigen und damit den reinen Protestparteien etwas entgegenzusetzen.
Denn der Politik einen Denkzettel zu verpassen – das funktioniere nur, wenn auf dem jeweiligen Zettel auch etwas stehe. Boris Johnson und die AfD – so Kaube – hätten dagegen leere Denkzettel abgegeben…

Chance statt Krise! – Olaf Scholz

Hamburgs Oberbürgermeister Olaf Scholz blickte in seiner Keynote zurück auf ein turbulentes Jahr, auf großes Engagement von Bürgern und Institutionen und mahnte: Viel zu selten sei das Wort „Chance“, zu oft das Wort „Krise“ gefallen. Dennoch gelte für die Zukunft: „Unsere To Do Liste ist noch lang.“

Ein entsolidarisiertes Europa – Andreas Rödder

Der Historiker Andreas Rödder sprach über „Historische Erfahrungen und politische Illusionen“. Seit 2008 habe eine Aneinanderreihung von unvorhersehbaren Ereignissen zum dauerhaften Regieren im Krisenmodus und letztendlich zur Entsolidarisierung der europäischen Staaten untereinander geführt.

Chancen und Grenzen der Willkommenskultur

Die Welt zu Gast bei Freunden? Im ersten Panel des Tages diskutierten Dietmar Bartsch, DIE LINKE, Anton Hofreiter, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Julia Klöckner, CDU, und Jörg Meuthen, AfD, moderiert von Journalist Ali Aslan.
Im Mittelpunkt der Diskussion stand das Thema Integration, insbesondere die Frage, wie das Primat des Rechtsstaats gegenüber der Religion durchzusetzen sei und wie sich die ungeheure Verwaltungsaufgabe effektiver als bisher bewältigen ließe. Gleichzeitig betonten die Panelisten, dass die Fluchtursachenbekämpfung in Krisenländern von großer Bedeutung sei.

Thomas Matussek
Über „Die Welt zu Gast bei Freunden?“ diskutierten Dietmar Bartsch, DIE LINKE, Anton Hofreiter, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Julia Klöckner, CDU und Jörg Meuthen, AfD. © Bernd Brundert
Tagesmoderation Ursula Weidenfeld
Karl Theodor zu Guttenberg, Vorsitzender und Gründer, Spitzberg Partners © Bernd Brundert

„Yes we can – wir schaffen das“ – der Blick auf Deutschland aus der Ferne – Karl Theodor zu Guttenberg

Der ehemalige Bundesminister Karl Theodor zu Guttenberg zog zu Beginn seiner Rede ein sehr persönliches Resümee der Affäre, die schließlich zu seinem Rücktritt und seinem Wegzug aus Deutschland führte. Aus dieser eigenen Migrationserfahrung schilderte er seinen Eindruck der transatlantischen Perspektive auf die Krise der Europäischen Union und Deutschlands Umgang mit den gegenwärtigen Migrationsbewegungen.

„Flüchtlinge kommen nicht mit IHK-Schein aus Aleppo“ – Raimund Becker

Einig war sich das zweite Panel in einer Hinsicht: die Aufnahme von Flüchtlingen sollte nicht nach einer möglichen Rendite oder Effekten auf die demografische Entwicklung in Deutschland beurteilt werden. Hier stünden humanitäre Gründe stets im Vordergrund – wie Olaf Scholz bereits am Morgen betont hatte.

Moderiert von Heike Göbel, FAZ, diskutierten hier Hans Albrecht, Nordwind Capital, Raimund Becker, Bundesagentur für Arbeit, Jörg Rocholl, ESMT Berlin und LINKE-Politikerin Sahra Wagenknecht. „Wir Deutschen sind zertifikatsverliebt“, sagte Raimund Becker. Menschen kämen jedoch nicht „mit IHK-Schein aus Aleppo.“

Die Facetten der Toleranz – Rainer Forst

Forst betonte, Toleranz bedeute nicht, alles zu begrüßen, was gesellschaftlich passiert. Man müsse jedoch „zwischen den eigenen religiösen, traditionellen und kulturellen Wertvorstellungen und dem, was für alle gelten soll und muss, unterscheiden“ können.

Es gibt keine Alternative zur freien Gesellschaft – Andreas Voßkuhle

Den inhaltlichen Tagesabschluss gab Andreas Voßkuhle, Präsident des Bundesverfassungsgerichts, im Gespräch mit Reinhard Müller. Die freie Gesellschaft sei eine Gesellschaft mit Zumutungen, Gefahren und Risiken, aber ohne Alternativen.

Deutschland 2025 – Haben wir’s geschafft?

Abschließende Antworten auf die Frage, in welche Richtung sich Deutschland bis 2025 letztlich entwickeln wird, konnte die Konferenz nicht geben. Auch keine Patentrezepte dafür, wie wir die kommenden Jahre möglichst erfolgreich für unser Land gestalten können.

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 Andreas Voßkuhle, Präsident, Bundesverfassungsgericht © Bernd Brundert

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Auf die Frage: „Wer ist das Volk?“ erfolgten Zwischenrufe von Esra Kücük, Vincent Zimmer und Jan-Jonathan Bock. © Bernd Brundert 

Ein Tag intensiver Diskussion und hintergründiger Debatte offenbarte jedoch, wie viele große Aufgaben im Jahr 1 nach „Wir schaffen das“ bereits bewältigt worden sind, sei es auf behördlicher Ebene oder durch den privaten Einsatz der Bürger dieses Landes.

Das Schwarz-Weiß von positivem und negativem Zukunftsszenario erwies sich gerade in der Zuspitzung als wertvoll, um differenziertere Zwischentöne in die sonst so oft festgefahrene Integrationsdebatte einzubringen. 

Es blieb ein zuversichtlicher Blick in die Zukunft – im vollen Bewusstsein der Tatsache, dass es noch eine ganze Menge zu tun gibt, damit wir „das“ schaffen können. Auch wenn, wie Karl Theodor zu Guttenberg berichtete, in der amerikanischen Presse gelegentlich vor „deutschen Zuständen“ gewarnt wird, sei Deutschland durch sein beherztes Handeln schon heute zum Vorbild und Hoffnungsland geworden. „Denk ich an Deutschland“, so fasst Olaf Scholz zusammen, „dann sehe ich ein Land, dem eine große Aufgabe gestellt wurde, die es sich nicht ausgesucht hat, aber mit Kraft angegangen ist. An dieses Deutschland denke ich gerne.“

  • Thomas Matussek Geschäftsführer, Alfred Herrhausen Gesellschaft

  • Jürgen Kaube, Herausgeber, Frankfurter Allgemeine Zeitung

  • Olaf Scholz, Erster Bürgermeister, Freie und Hansestadt Hamburg, SPD

  • Andreas Rödder, Professor für Neueste Geschichte, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

  • Dietmar Bartsch, Fraktionsvorsitzender, Bundestag, DIE LINKE, Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender, Bundestag, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Julia Klöckner, stellvertretende Bundesvorsitzende, CDU, Jörg Meuthen, AfD, Moderation: Ali Aslan

  • Karl-Theodor zu Guttenberg, Vorsitzender und Gründer, Spitzberg Partners, New York

  • Hans Albrecht, Gründer und Geschäftsführer, Nordwind Capital GmbH, Raimund Becker, Vorstand Regionen, Bundesagentur für Arbeit, Jörg Rocholl, Professor, Präsident, ESMT Berlin, Sahra Wagenknecht, Fraktionsvorsitzende DIE LINKE, Moderation: Heike Göbel

  • Rainer Forst, Professor für Politische Theorie und Philosophie, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a.M.

  • Jan-Jonathan Bock, Research Fellow, Woolf Institute, Cambridge, Esra Küçük, Leiterin, Gorki Forum Berlin, Vincent Zimmer, Mitgründer, Kiron Open Higher Education, Moderation: Alexander Carius, Geschäftsführer, Adelphi

  • Idil Baydar als Jilet Ayse, Kabarettistin, Social Influencer, Speaker & Comedian, Harald Welzer, Direktor, FUTURZWEI, Stiftung Zukunftsfähigkeit

  • Andreas Voßkuhle, Präsident, Bundesverfassungsgericht, Moderation: Reinhard Müller, Verantwortlicher Redakteur für die Seite „Staat und Recht“ und „Zeitgeschehen“, Frankfurter Allgemeine Zeitung

  • Thomas Matussek, Geschäftsführer, Alfred Herrhausen Gesellschaft

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